Der Barkeeper ist gut gelaunt, spricht fließend deutsch. Die Sonne steht tief am Abendhimmel.
Recht ansehnlich sind die hübschen, nur wenig bekleideten Mitzwanzigerinnen, denen man gern einmal mehr hinterher schaut als gewöhnlich. Die Brandung ist super, meterhohe Wellen laden am Tage zum Surfen ein. Laute karibische Strandmusik ist aus jeder Taverne zu vernehmen. Genau so hatte man sich den Urlaub vorgestellt, oder fast so. An alle hatte man gedacht, an fast alles.
Dass auch auf den Karibischen Inseln Verkehrsmeldungen im Radio zu hören sein würden, daran hatte man nicht gedacht. Und erst recht nicht das diese auch, wie teilweise in Deutschland, mit einem lauten "Pieps" angekündigt werden. Doch aus dem einen Pieps werden 2, dann immer mehr und immer aufdringlicher.Der Drink an der Bar wird nun zum schalen Wasserglas auf dem Nachttisch. Aus der Abendsonne wird eine verregnete Nacht, Die Brandung von eben stellt sich nun als Prasselnder Regen auf die Dachfenster dar. Und aus dem lauten "Piep-Piep" der Verkehrsmeldung im Radio ist der Alarmton des Funkalarmempfängers geworden. Dieser ganze Szenenwechsel hat sich in nicht einmal 2 sec abgespielt, jetzt ist man in Kleinmachnow, "Alarm für die Feuerwehr", weit und breit keine Badehose, rein in die Jeans, T-Shirt und Jacke über und los, halt, die Socken nicht vergessen. Rein ins Auto, ab zur Wache. "Was gibt's denn ? Welche Einsatzfahrzeuge werden verlangt?" Aha, na dann los, Feuerwehrklamotten an. Weitere Leute treffen ein, "wieder eine Nacht im A……" meint einer.
Vor 3 Minuten war so manch einer von uns noch in der Karibik, jetzt rollt das erste Auto zum Einsatzort, ohne TATÜ-TATA, nur mit Blaulicht, denn dafür hat nicht jeder Kleinmachnower Einwohner Verständnis. Egal, wir machen unsere Arbeit trotzdem. "Hoffentlich dauerts nicht zu lang, hab morgen Berufsschule und muss den ersten Bus nach Potsdam bekommen" meint der siebente Eintreffende an der Wache. "Ich hab Uni um 10.00 Uhr in Cottbus, mich fragt auch keiner danach" meint eins der Feuerwehrmädels auf dem Weg zum Einsatzort.
Vor 5 Minuten war so manch einer von uns noch in der Karibik, nun fahren in Kleinmachnow weitere Feuerwehrfahrzeuge Richtung Autobahn. Der erste Funkspruch: "Verkehrsunfall auf der Autobahn, mehrere Verletzte, eine Person im Auto eingeklemmt". Es ist dunkel draussen, da sieht man nicht die kurz eingetretene Blässe mancher Kameraden. Viele Gedanken schießen jetzt durch den Kopf, mit welcher Taktik geht man vor, Ist ein Rettungswagen schon vor Ort? Werden wir mehr als nur einen Rettungswagen benötigen? Hoffentlich ist der Notarzt gleich da! Ob wir lange brauchen bis wir Ihn oder Sie aus dem Auto befreit haben?
Vor 12 Minuten war so manch einer von uns noch in der Karibik, nun stehen wir in einer Märznacht auf der verregnet Autobahn und keiner denkt an Las Palmas. "Der ist aber schwer verletzt" meint einer. "Atmet er noch? fragt der Notarzt. Verbogenes Blech überall, das Lenkrad steht weit ins Auto hinein, Benzin läuft aus. Die Beine des Eingeklemmten sind vermutlich gebrochen, irgendwo zwischen Armaturenbrett und Gaspedal völlig verkeilt. Eine Heidenarbeit, besonnen müssen wir uns jeden Handgriff überlegen, und doch muss es zügig gehen. Hoffentlich brennt es nicht noch, Feuerlöscher werden bereitgestellt, Schläuche ausgerollt. "Baut mal den Lichtmast auf", auch das wird getan. Geht's unseren eigenen Leuten allen gut? Wie können die "Neuen" damit umgehen? Auch hier in Kleinmachnow haben wir nur selten solche Unfälle.
Vor 59 Minuten war so manch einer von uns noch in der Karibik. Gerettet, und gute Überlebenschancen, Er ist raus aus dem Auto, Schläuche einrollen, Ölbindemittel ausstreuen, Der Abschlepper des ADAC nimmt den traurigen Rest des Unfallwagens mit. Der letzte Rettungswagen verlässt den Unfallort in Richtung Krankenhaus. Ein Rettungswagen von drei. Notärzte aus Teltow und Potsdam waren vor Ort. Wir packen auch zusammen. Noch immer ist es dunkel, was will man erwarten, nachts, im März, bei von Wolken verhangenem Himmel.
Vor 85 Minuten war so manch einer von uns noch in der Karibik. Jetzt rücken wir ein. Die Anspannung weicht allmählich der Müdigkeit. In der Wache werden alle Fahrzeuge wieder auf Vordermann gebracht, der nächste Einsatz kommt gewiss. In 2 Stunden ? in 2 Tagen ? In 2 Wochen ? Wer weiss das schon ? Die "alten" erzählen von vergangenen Einsätzen, für die "Neuen" war es wirklich was neues heute Nacht, auf sie muss man achten, Wollen sie drüber reden ? Müssen sie drüber reden? Sie sollen ihre, vielleicht negativen, Emotionen nicht mit nach Hause nehmen, Sie müssens wegstecken, irgendwann, nicht in sich reinfressen. Sind Nachgespräche erforderlich ? Zu Neudeutsch Debriefing. In ein oder zwei Tagen ? Viele Gedanken schwirren dem Einsatzleiter durch den Kopf, auch noch nach dem Einsatz. Nach dem Alarm ist vor dem Alarm.
Vor 127 Minuten war so manch einer von uns noch in der Karibik. Nun fahren wir wieder nach Hause. Zu unseren Familien, Eltern, Kindern, Frauen, Lebensgefährten. Ob wir ihnen am Frühstückstisch erzählen sollen vom erlebten der letzten zwei, drei Stunden ? Wohl eher wird's eine kurze Version aus "Es hat mal wieder ganz schön auf der Autobahn geknallt" und "den Fahrer hat´s ganz schön erwischt"
Es ist kurz nach 4.00Uhr, zum Aufbleiben noch zu früh, und eigentlich zum Noch-einmal-ins-Bett-gehen schon zu spät. Man legt sich trotzdem Hin, Gedanken hin, gedanken her. An alles mögliche denkt man jetzt, nur nicht das man träumte das vor 169 Minuten so manch einer von uns noch in der Karibik war.
Anmerkung: So oder ähnlich könnte eine ganz normale Nacht im März des Jahres 2008 in Kleinmachnow aussehen!
In diesem Sinne wünschen die Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Kleinmachnow einen Schönen Frühlingsanfang und immer unfallfreie Fahrt! Mario Grocholski